Augmented Reality zählt nicht zum klassischen Kernthema der XboxDev-Redaktion. Dennoch ermöglichten neue AR-Ansätze auf der IFA 2025 in Berlin einen relevanten Blick auf technologische Entwicklungen, die perspektivisch auch Gaming, interaktive Inhalte und Plattform-Ökosysteme beeinflussen könnten. Vor diesem Hintergrund erfolgte eine Einladung durch Rokid, die Gelegenheit bot, die Rokid Glasses unter realen Bedingungen zu erproben.
Der Test fand bewusst außerhalb eines klassischen Messe- oder Demo-Umfelds statt. Als Location diente ein voll besetztes Brauhaus mit hohem Geräuschpegel, dichter sozialer Interaktion und wechselnden Lichtverhältnissen. Ziel war es, die Alltagstauglichkeit der Hardware jenseits kontrollierter Präsentationsflächen einzuordnen.
Zufällig ergab sich zudem ein direkter Vergleich mit den Ray-Ban Meta Smart Glasses, die ein weiterer anwesender Redakteur mitführte. Damit standen zwei unterschiedliche Design- und Nutzungskonzepte tragbarer Smart-Glasses-Technologie parallel gegenüber.
Alltagstest unter realen Bedingungen
Die eingesetzten Rokid Glasses befanden sich zum Zeitpunkt der IFA noch in einer frühen Softwarephase. Mehrere Funktionen waren erkennbar nicht final, dennoch präsentierte sich das Gesamtsystem stabil. Besonders im Fokus stand die Sprachsteuerung, da sie als zentrales Eingabemedium für AR-Brillen gilt.

Trotz der akustisch anspruchsvollen Umgebung erkannte das System Sprachbefehle zuverlässig. Das verbaute Vier-Mikrofon-Array in Kombination mit KI-gestützter Geräuschunterdrückung zeigte hier eine für Wearables relevante Praxistauglichkeit.
Display-Integration und visuelle Zurückhaltung
Die Rokid Glasses nutzten monochrome grüne Micro-LED-Displays, die unterhalb der direkten Sichtachse positioniert waren. Diese Gestaltung minimierte die permanente Überlagerung der realen Umgebung und verhinderte visuelle Überforderung.
Im Praxiseinsatz erwies sich diese Zurückhaltung als funktional. Informationen blieben jederzeit abrufbar, ohne den Blick auf die Umgebung zu dominieren – ein relevanter Aspekt für den langfristigen Einsatz außerhalb reiner Demo-Szenarien.

AR Spatial: Plattform statt Einzelanwendung
Parallel zur Brille präsentierte Rokid das AR-Spatial-System, das als übergeordnete Plattform gedacht ist. Ziel war es, Augmented Reality stärker in alltägliche Arbeits- und Nutzungsszenarien zu integrieren.
AR Spatial basierte auf einem Sony-Display und ermöglichte die gleichzeitige Nutzung von bis zu drei Anwendungen in einer virtuellen Projektionsumgebung. Ergänzt wurde das System durch:
- automatische Myopie-Korrektur
- Unterstützung für iPhone-15-Spatial-Videos
- virtuelle Kino- und Multitasking-Szenarien
Eine vergleichbare Android-Integration war zum Messezeitpunkt nicht vorgesehen, was auf eine aktuell stärkere Ausrichtung am Apple-Ökosystem hindeutete.
Technische Spezifikationen der Rokid Glasses
Display
- Duale monochrome grüne Micro-LED-Displays
- 480 × 398 Pixel pro Auge
- bis zu 1.500 Nits
- 23° Field of View
Kamera
- 12 MP Sony IMX681
- 3.024 × 4.032 Pixel
- 109° diagonales Sichtfeld
- HDR und digitale Bildstabilisierung
- Sprach- oder Tastensteuerung
- sichtbare Aufnahmeanzeige
Audio & Eingabe
- HD-Directional-Speaker
- Vier-Mikrofon-Array
- KI-basierte Geräuschunterdrückung
Hardware
- Qualcomm Snapdragon AR1
- Magnesium-Aluminium-Chassis
- Gewicht: 49 Gramm
- magnetische Korrekturlinsen für Myopie und Astigmatismus
KI-Funktionen und Software-Ökosystem
Die Software-Funktionen bildeten einen zentralen Bestandteil des Gesamtkonzepts:
- Echtzeitübersetzungen in 89 Sprachen, davon 5 offline
- Live-Transkription
- Objekterkennung
- ChatGPT-Integration
- KI-Teleprompter
Die Verbindung erfolgte über Bluetooth mit einem Smartphone. Funktionen wie Navigation oder Online-Übersetzung setzten eine Internetverbindung voraus. Offline nutzbar waren unter anderem Kamera, Musik, einfache Sprachbefehle und der Teleprompter.
Akkulaufzeit im Praxiseinsatz
Rokid nannte folgende Richtwerte:
- 5–6 Stunden Musikwiedergabe
- ca. 4 Stunden Gesprächszeit
- ca. 2 Stunden aktiver Displaybetrieb
- ca. 45 Minuten kontinuierliche Videoaufnahme
Im mehrstündigen Einsatz bestätigten sich diese Werte weitgehend. Erst gegen Ende der Nutzung wurde eine reduzierte Restkapazität erkennbar. Optional vorgesehen war ein Ladecase mit 3.000 mAh, das mehrere vollständige Aufladungen ermöglichen sollte.
Einordnung mit Blick auf Gaming
Auch wenn Gaming nicht im unmittelbaren Fokus der Rokid Glasses stand, erlaubte der Test einen Ausblick auf mögliche zukünftige Anwendungsszenarien. Frühere Konzepte, etwa Demonstrationen mit Microsofts HoloLens und Minecraft, galten lange als technologische Visionen ohne kurzfristige Massenrelevanz.
Die Kombination aus leichter Hardware, kontextsensitiven Overlays, Sprachsteuerung und mobiler Rechenleistung zeigte jedoch, dass sich die Grundlagen für AR-gestützte Gaming-Erweiterungen zunehmend stabilisieren. Denkbar sind perspektivisch hybride Nutzungsszenarien, etwa Second-Screen-Informationen, persistente AR-Spielwelten oder begleitende Overlays für bestehende Plattformen.
Entscheidend ist dabei weniger ein einzelnes AR-Spiel, sondern die schrittweise Integration in bestehende Gaming-Ökosysteme – ein Ansatz, der langfristig auch für Cloud-Gaming-Modelle und plattformübergreifende Inhalte relevant werden könnte.
Rokid auf der IFA 2025
Rokid präsentierte auf der IFA zwei zentrale Produkte:
- AR Spatial – virtuelle Projektionsumgebung mit Multitasking und Myopie-Korrektur
- Rokid Glasses – AR-Brille mit Kamera, KI-Funktionen und Sprachsteuerung
Eine öffentliche Erprobung war bis zum 9. September 2025 in Halle 6.2, Stand 169 möglich. Parallel wurden die Rokid Glasses über Kickstarter angeboten. Der Einstiegspreis lag bei 499 US-Dollar für Early-Backer, die spätere UVP bei 599 US-Dollar.
Fazit
Der Auftritt von Rokid auf der IFA 2025 zeigte Augmented Reality in einer Phase zunehmender Reife. Trotz noch nicht finaler Software wurde deutlich, dass AR-Brillen zunehmend unter realen Alltagsbedingungen gedacht werden.
Für den Gaming-Sektor bedeutete dies weniger eine kurzfristige Revolution, sondern einen realistischen Blick auf technologische Grundlagen, die langfristig neue Formen interaktiver Inhalte ermöglichen könnten. Augmented Reality entwickelte sich damit schrittweise von einer Vision hin zu einer potenziell integrierbaren Erweiterung bestehender Plattform-Ökosysteme.
