Der vollelektrische Pickup-Truck R1T von Rivian nutzt für sein digitales Cockpit ein Human-Machine-Interface (HMI), das mit der Unreal Engine von Epic Games entwickelt und ausgeliefert wurde. Rivian beschreibt sich selbst als Hersteller, der bei jedem Fahrzeug Wert auf technische Neuerungen legt, und wählte für das Fahrer- und Center-Display bewusst eine Engine, die eigentlich aus der Spielebranche stammt.
Performance-Vergleich entscheidet sich für Epics Engine
Vor der Entscheidung testete Rivian mehrere Lösungen. „Wir haben die Engine durch eine komplette Arbeitslast laufen lassen, die eine Fahrt durch Verkehr simuliert“, erklärt Eddy Reyes, Staff Software Engineer für In-Vehicle Experience bei Rivian. Man habe sicherstellen wollen, dass die Unreal Engine auf der eigenen Hardware auch bei einer Fahrassistenz-Arbeitslast mit mehreren gleichzeitig dargestellten Fahrzeugen zuverlässig funktioniert. Nach Reyes‘ Angaben war die Unreal Engine dabei nicht nur die performanteste, sondern lieferte auch die beste Grafikqualität. Ein weiterer wichtiger Testschritt war die Erprobung im realen Fahrzeug samt Sensorik: Alle von den Sensoren erfassten Daten ließen sich in Echtzeit auf dem Bildschirm darstellen, während das Fahrzeug bewegt wurde.
Blueprint beschleunigt Entwicklung und Iteration
Neben der reinen Performance hob Rivian vor allem das Entwicklungstempo hervor. „Der größte Vorteil der Unreal Engine ist für uns wirklich die Geschwindigkeit bei der Entwicklung“, sagt Wassym Bensaid, Vice President of Software Development bei Rivian. Sobald einmal eine 3D-Repräsentation des Fahrzeugs vorliege, lasse sich die Zahl der unterstützten Anwendungsfälle sehr schnell erweitern. Zum Entwicklungstempo trug maßgeblich Blueprint bei, das visuelle Scripting-System der Unreal Engine, mit dem sich Effekte und Verhaltensweisen prototypisch umsetzen lassen, ohne eine Zeile klassischen Codes zu schreiben. Reyes beschreibt, wie das Team damit die Darstellung von Fahrspuren auf Basis der Kameradaten iterativ verbessert hat, ein Vorhaben, das ohne Blueprint deutlich mehr Zeit gekostet hätte.
Gemeinsame Plattform für Design und Engineering
Neben der Technik betont Rivian die Zusammenarbeit zwischen Design und Engineering. „Man darf die Nutzer nicht ablenken, man darf ihnen nicht zu viele oder zu wenig Informationen geben“, erklärt Eric Wood, Vice President of User Experience. Ein reines Grafikdesign lasse sich nicht einfach in eine Fahrschnittstelle übersetzen, dafür sei das Thema zu komplex. Weil sowohl das Design- als auch das Softwareteam in der Unreal Engine arbeiten, entstand laut Design Director Matt Metropulos eine Art gemeinsame Sprache zwischen beiden Disziplinen, die schnelle Problemlösungen im Team ermöglicht. Reyes ergänzt, dass so ein Umfeld entstanden sei, in dem Designer und Entwickler täglich auf derselben Plattform Ideen austauschen können.
Originalgetreues 3D-Modell und Over-the-Air-Updates
Ein wichtiger Faktor für das Vertrauen der Nutzer ist die Genauigkeit, mit der das reale Fahrzeug im Display abgebildet wird. Weil die Unreal Engine das komplette Polygonbudget des R1T von rund 500.000 Polygonen verarbeiten kann, konnte Rivian direkt die Daten aus dem ursprünglichen CAD-Modell verwenden, statt das Fahrzeug für die Darstellung neu nachzubauen. Das Ergebnis ist laut Wood keine bloße Simulation, sondern tatsächlich das eigene Fahrzeug, wie es in Echtzeit im Fahrerdisplay läuft, inklusive Farb-, Rad- und Ausstattungsvarianten sowie dem Status von Türen oder Ladeklappe. Zusätzlich ermöglicht die Umsetzung Over-the-Air-Updates, mit denen Rivian neue Inhalte für Fahrer- und Center-Display nachliefern kann, sowohl für sicherheitsrelevante Funktionen als auch für Unterhaltung. Auch bei anderen Elektroauto-Herstellern ist die Unreal Engine mittlerweile im Gespräch, etwa als mögliche Basis für kommende Tesla-Modelle.
