Geisterarbeiter hinter der Künstlichen Intelligenz: Mary L. Gray warnt vor unsichtbarer Datenarbeit

Mary L. Gray, Forscherin bei Microsoft Research, wirft der Technologiebranche vor, Menschen regelmaßig als künstliche Intelligenz auszugeben. Im Interview mit heise online erklärt sie, welche Gefahren diese als Geisterarbeit bezeichnete Praxis für die Arbeitsbedingungen birgt. Gemeinsam mit dem Informatiker Siddharth Suri hat sie darüber das Buch „Ghost Work: How to Stop Silicon Valley from Building a New Global Underclass“ geschrieben.

Illustration zu Geisterarbeit hinter Künstlicher Intelligenz, Titelbild des heise-Beitrags

Zum Einstieg der Diskussion steht Googles digitaler Assistent Duplex, der im Frühjahr 2018 als erste KI vorgeführt wurde, die Telefonate mit Menschen führen kann. Die New York Times deckte auf, dass hinter dem Dienst vielfach Menschen standen. Google begründete dies damit, der Service solle perfekt sein, und sprach davon, hin und wieder auch Menschen anrufen zu lassen. Gray hält „hin und wieder“ für stark untertrieben.

Der Blick auf die unsichtbare Belegschaft

Für Gray ist der dramatische Wandel, dass noch nie so viele Industrien Leiharbeit vollständig als Automatisierung verkauft haben, die so tun, als sei keine Person mehr an dem Prozess beteiligt. Wenn jeder Sektor, der Informationsdienste verkauft, so verfahre, seien das viele Menschen, deren Beteiligung an der Wirtschaft gelöscht werde. Die Arbeitsbedingungen spiegelten nicht wider, wie wichtig die einzelne Person für den Prozess sei. Das verringere den Wert ihrer Arbeit und schaffe unhaltbare Bedingungen.

Ein weiteres Problem sei das Fehlen von Rechenschaftspflicht: Da die Gesellschaft nichts über diese Arbeiter wisse, sei eine Organisation der Belegschaft kaum möglich. Anders als in der Textilindustrie, in der Menschen im selben Gebäude arbeiteten, sei die Belegschaft bei der Geisterarbeit vollständig global verteilt. Auftragnehmer füllten nicht mehr nur Löcher, der klassische Bürojob sei im Begriff, eliminiert zu werden.

Das Paradoxon dieser Arbeit bestehe darin, dass sie sich nicht einfach automatisieren lasse und trotzdem unter Druck stehe. Eine Übersetzung labeln, Trainingsdaten für Algorithmen bereinigen oder Inhalte moderieren erfordere viel Intelligenz und Aufmerksamkeit, ohne dass die Branche deren Bewertung hinreichend geregelt habe.

Als wichtigste Maßnahme nennt Gray die Wiederherstellung des Sozialvertrags für die Beschäftigung. Menschen bräuchten Zugang zur Gesundheitsversorgung, bezahlte Freistellung, gesunde Arbeitsplätze, Kollegen und Weiterbildungsangebote. Nur so sei es möglich, bei Bedarf in den Markt einzusteigen und etwa für eine Krankheit, eine Familiengründung oder das Erlernen neuer Fähigkeiten wieder auszusteigen.

Das vollständige Interview erschien nach Angaben von heise online in der Oktober-Ausgabe des deutschen MIT Technology Review, die seit dem 12. September 2019 im Handel erhältlich ist.

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