Ein brasilianisches Gericht hat Microsoft verpflichtet, ein gesperrtes Xbox-Konto mitsamt der darauf liegenden digitalen Spielebibliothek wiederherzustellen. Der Kläger, ein Xbox-Spieler aus Brasilien, der auf Reddit unter dem Namen Ordo_Liberal auftritt, hatte seinen Account nach einem Hackerangriff verloren und über den Support keine Wiederherstellung erreichen können. Das Gericht sprach ihm zusätzlich rund 400 US-Dollar Schadensersatz zu.
Der Fall hatte sich über mehrere Monate hingezogen. Ordo_Liberal hatte auf Reddit berichtet, dass sein Microsoft-Konto trotz aktivierter Zwei-Faktor-Authentifizierung kompromittiert worden sei. Der Xbox-Support bestätigte zwar den unbefugten Zugriff, erklärte aber, die Sicherheitsinformationen seien mittlerweile geändert worden und eine Wiederherstellung nicht mehr möglich. Die mit dem Konto verknüpften digitalen Spiele, darunter Minecraft-Käufe, seien unwiederbringlich verloren. Als Lösung schlug der Support vor, die Spiele auf einem neu erstellten Konto einfach erneut zu kaufen.
Klage über das brasilianische Verbraucherschutzsystem
Anstatt die Sperrung zu akzeptieren, zog Ordo_Liberal vor ein brasilianisches Kleinvertragsgericht. Das brasilianische Verbraucherschutzgesetz (Código de Defesa do Consumidor) ermöglicht es Bürgern, in Verbraucherschutzfällen kostenlos einen öffentlichen Rechtsbeistand in Anspruch zu nehmen. Der Kläger hatte laut eigenen Angaben keine Verfahrenskosten. Microsoft hingegen trat dem Verfahren mit zwölf Anwälten und einer 300-seitigen Verteidigungsschrift entgegen.
Auflagen und Strafen für Microsoft
Das Gericht entschied zugunsten des Klägers und verpflichtete Microsoft, das Konto innerhalb von 15 Tagen vollständig wiederherzustellen. Kommt der Konzern der Frist nicht nach, droht ein tägliches Zwangsgeld von umgerechnet rund 30 US-Dollar, gedeckelt bei etwa 300 US-Dollar. Zusätzlich muss Microsoft rund 400 US-Dollar als Entschädigung für immateriellen Schaden zahlen. Verstreicht die Zahlungsfrist, erhöht sich der Urteilsbetrag um weitere 10 Prozent. Eine öffentliche Stellungnahme von Microsoft liegt bislang nicht vor, über eine Berufung wurde noch nicht entschieden.
Hintergrund: Digitale Eigentumsrechte im Fokus
Das Urteil aus Brasilien fällt in eine Phase, in der die Debatte um digitale Eigentumsrechte an Fahrt gewinnt. Plattformbetreiber argumentieren üblicherweise, Kunden erwarben mit dem Kauf eines digitalen Spiels kein Eigentum, sondern nur eine jederzeit widerrufbare Nutzungslizenz. Das brasilianische Urteil stellt diese Praxis im konkreten Einzelfall infrage, indem es den Entzug gekaufter Inhalte nach einem Hackerangriff als unzulässig einstuft. Es ist allerdings ein erstinstanzliches Kleinvertragsurteil ohne Bindungswirkung für andere Länder. Notebookcheck hatte als eine der ersten deutschsprachigen Quellen über den Fall berichtet.
Der Fall bekommt zusätzlichen Kontext durch die branchenweite Bewegung weg von physischen Datenträgern. Sony Interactive Entertainment plant, die Produktion von Spiel-Discs für neue Veröffentlichungen ab Anfang 2028 einzustellen. Microsoft testet parallel Mechanismen, um Disc-Käufe in digitale Berechtigungen umzuwandeln. Gleichzeitig drängt die europäische Stop Destroying Videogames-Kampagne auf stärkeren Schutz digitaler Spielebibliotheken, nachdem Ubisoft das Online-Rennspiel The Crew abgeschaltet hatte.
Betroffene außerhalb Brasiliens können den Fall nach Einschätzung von Beobachtern kaum als Blaupause nutzen. In Deutschland schließen europäische Nutzer Verträge mit Microsoft Irland, und das hiesige Verbraucherrecht ist deutlich weniger klagefreundlich ausgelegt als das brasilianische. Der Fall zeigt aber, dass Plattformbetreiber unter dem Druck lokaler Verbraucherschutzgesetze zur Rückgabe digitaler Bibliotheken verpflichtet werden können, wenn sie den Zugang nach Sicherheitsvorfällen dauerhaft entziehen. Ordo_Liberal hat unterdessen eine Spendenkampagne gestartet, um ein mögliches Berufungsverfahren abzusichern.
