Auf der devcom 2025 in Köln, die vom 17. bis 19. August 2025 als Entwicklerkonferenz im Rahmenprogramm der gamescom stattfand, war auch das Design- und Animationsstudio Rive mit einem eigenen Bühnenauftritt vertreten. Das Team zeigte live, wie sich mit der hauseigenen Software reaktionsschnelle Benutzeroberflächen bauen lassen, direkt im Editor und ohne Umweg über zusätzlichen Framework-Code.
Rive beschreibt sich selbst als „interactive experience engine“: ein Werkzeug, in dem Design, Animation und ein Teil der Interaktionslogik in einer einzigen Umgebung entstehen. Was im Editor entsteht, läuft anschließend über eine leichtgewichtige, quelloffene Runtime direkt in der Zielanwendung, egal ob Website, App oder Spiel. Grundlage ist ein eigenes, zustandsbehaftetes Grafikformat mit der Endung .riv sowie ein GPU-beschleunigter Vektor-Renderer, der nach Angaben des Unternehmens mit bis zu 120 Bildern pro Sekunde arbeitet, bei gleichbleibender Bildqualität unabhängig von der Auflösung.
Auf dem eigenen Instagram-Kanal bestätigte Rive die Teilnahme an der devcom 2025 in Köln mit einem kurzen Clip vom eigenen Messestand.
Zustandsmaschinen statt zusätzlichem Framework-Code
Kernstück der Software sind sogenannte State Machines, zu Deutsch Zustandsmaschinen. Damit lassen sich Animationen und einzelne UI-Elemente direkt an Nutzerinteraktionen koppeln, etwa an einen Mausklick, einen Hover-Effekt oder ein Spielereignis wie den Verlust von Lebenspunkten. Ein Button reagiert dann nicht mehr über eine separate Skriptdatei, sondern über Zustände und Übergänge, die im Rive-Editor visuell verknüpft werden. Für Entwicklerstudios bedeutet das weniger Abstimmungsaufwand zwischen Design und Programmierung, weil ein Grafiker die Logik einer Animation bereits im eigenen Werkzeug fertig anlegen kann, statt sie dem Team in Code zu beschreiben.
Auch als Werkzeug für Spiele-UI gedacht
Neben Apps und Websites richtet sich Rive ausdrücklich auch an Spieleentwickler. Menüs, HUDs und andere 2D-Grafiken lassen sich mit echter Interaktivität ausstatten, ohne dass dafür eine eigene UI-Engine geschrieben werden muss. Die Runtime läuft in Unity, in der Unreal Engine und in Defold, alternativ lässt sich die quelloffene Runtime auch in eigene Engines einbinden. Für die Unreal-Integration hat Rive 2025 eine überarbeitete Anbindung über die Rendering Hardware Interface vorgestellt, die im Vergleich zur ersten experimentellen Fassung deutlich stabiler laufen und nach eigenen Angaben rund viermal so performant sein soll. Die neue Anbindung läuft aktuell als technische Vorschau für Enterprise-Kunden, bevor sie für alle Nutzer freigegeben wird. Referenzkunden außerhalb des Gaming-Bereichs sind unter anderem Spotify, Duolingo, Disney, Google sowie mehrere Fortune-500-Autohersteller, die Rive für Bedienoberflächen im Fahrzeug einsetzen.
Gute UI bleibt Handarbeit, auch im Zeitalter von Vibe Coding
KI-gestützte Programmierwerkzeuge haben in den vergangenen Monaten viel Aufmerksamkeit bekommen, unter dem Schlagwort Vibe Coding lässt sich inzwischen ganzer Anwendungscode per Prompt erzeugen. Eine wirklich gute, reaktionsschnelle Benutzeroberfläche entsteht dabei aber selten allein aus einer Texteingabe. Timing, Übergänge und das Gefühl, das ein Menü beim Bedienen vermittelt, hängen von vielen kleinen, aufeinander abgestimmten Entscheidungen ab, die sich schwer in einen einzelnen Prompt packen lassen.
Der Auftritt von Rive auf der devcom 2025 zeigt einen anderen Ansatz für dasselbe Problem. Statt UI-Logik komplett in Code zu gießen oder sie einem Sprachmodell zu überlassen, arbeitet die Software mit visueller, echtzeitfähiger Iteration auf Basis von Zustandsmaschinen. Design und Interaktion werden im selben Werkzeug verändert und sofort sichtbar getestet. Für Studios, die viel Wert auf das Gefühl ihrer Menüs und HUDs legen, bleibt das eine eigene Disziplin, die parallel zu neuen KI-Werkzeugen weiterhin eigenes Handwerk braucht.
