Die 90/90-Regel ist ein ironisches Sprichwort aus der Softwareentwicklung. Die ersten 90 Prozent des Codes beanspruchen demnach 90 Prozent der Entwicklungszeit, die letzten 10 Prozent weitere 90 Prozent. Die Rechnung ist absichtlich widersprüchlich. Gemeint ist die Erfahrung, dass ein Projekt lange fertig wirkt, während Integration, Randfälle und Abnahmen erst am Ende sichtbar werden.
Warum die letzten Prozent teuer werden
In der Spieleentwicklung treffen in der Abschlussphase viele Systeme erstmals unter realen Bedingungen aufeinander. Gameplay, Grafik, Audio, Netzwerkcode und Eingabe müssen gemeinsam funktionieren. Ein behobener Fehler kann dabei neue Nebenwirkungen erzeugen. Zusätzliche Arbeit entsteht auch durch Performance-Optimierung, Barrierefreiheit, Lokalisierung und die Prüfung verschiedener Hardwarekonfigurationen.
Ein Prototyp kann deshalb bereits einen überzeugenden Eindruck vermitteln, ohne dass daraus automatisch ein releasefähiger Zustand folgt. Besonders bei großen Produktionen vervielfachen sich die Testfälle durch Plattformen, Bildschirmmodi, Controller und Online-Szenarien. Die Spieleprogrammierung bildet dabei nur einen Teil der Arbeit ab. Produktionsplanung und Qualitätssicherung müssen den gesamten Funktionsumfang abdecken.
Was Studios aus der Regel ableiten können
Die 90/90-Regel ist keine belastbare Schätzmethode. Sie erinnert Teams aber daran, die Abschlussphase nicht als Restposten zu behandeln. Meilensteine sollten deshalb mit klaren Qualitätskriterien verbunden sein. Dazu gehören reproduzierbare Builds, automatisierte Tests, Fehlerprioritäten und ausreichend Zeit für Regressionstests. Auch externe Zertifizierung und die Prüfung von Store-Anforderungen gehören in die Planung.
Für die Produktion eines Spiels bedeutet das: Ein sichtbarer Fortschritt ist nicht dasselbe wie eine fertige Version. Wer die letzten Integrations- und Testschritte früh berücksichtigt, kann Risiken besser verteilen. Die Regel bleibt dabei vor allem eine prägnante Beschreibung eines bekannten Problems, nicht ein mathematisches Gesetz.
