Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und der Think Tank Neuland 21 haben die Studie Urbane Dörfer. Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann vorgelegt. Für die Untersuchung besuchten die Autoren 18 Projekte in Ostdeutschland, in denen Programmierer, Grafikdesigner, Architekten und Kulturmanager ihren Beruf vom Land aus ausüben. Die beiden Organisationen stellten die Ergebnisse im Sommer 2019 vor; die Diskussion über digitale Arbeitsmodelle als Zuzugsimpuls für ländliche Regionen griffen Medien im September 2019 erneut auf.
Die Beispiele liegen weit vor den Toren Berlins: ein Veranstaltungsraum in der alten Mühle Gömnigk südwestlich von Potsdam, Coworking-Büros und eine Kita auf dem Hof Prädikow im brandenburgischen Prötzel, Seminare und Workshops auf dem Gut Gorgast kurz vor der polnischen Grenze. Auf dem Hof Prädikow haben Städter eine Genossenschaft gegründet, die Coworking-Flächen, Schreinerei, Start-up-Werkstätten, Künstlerateliers und Seminarräume auf einem Hof bündelt. Wegen der starken Nachfrage können die Betreiber derzeit keine weiteren Interessenten aufnehmen.

Coworking Spaces in leer stehenden Gebäuden
Silvia Hennig, Gründerin von Neuland 21, beschreibt die neuen Landbewohner als Pioniere: Junge Kreative und digital affine Städter entdeckten das Land für sich und erprobten gemeinschaftliche Wohnformen und innovative Arbeitsmodelle. Aus der Stadt bringen sie das Konzept der Coworking Spaces: Freiberufler und Selbständige mieten vorübergehend Schreibtische, um gemeinsam zu arbeiten. Einige dieser Flächen entstanden mit angeschlossenen Unterkünften, in denen Stadtgäste über längere Zeiträume konzentriert arbeiten können. Mitautor Manuel Slupina betont, dass die Projekte meist in alten Gebäuden der Ortsmitten starten, etwa stillgelegten Fabriken, Mühlen, Krankenhäusern und Landgütern. Damit wirken sie den sogenannten Donut-Dörfern entgegen, bei denen die Ortskerne verfallen, während am Rand Neubaugebiete wachsen.
Ohne Glasfaser keine Chance
Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, hält fest, dass sich das neue Dorf nicht am Reißbrett erfinden lasse; lebenswerte Orte entstünden dort, wo Menschen selbst Projekte angingen. Die Politik sei gefragt, diese Pioniere von bürokratischen Hürden zu entlasten und den ländlichen Raum flächendeckend mit schnellem Internet zu versorgen. Ohne leistungsfähige Anschlüsse hätten die Dörfer im Wettbewerb um Einwohner keine Chance. Beide Organisationen verweisen zudem darauf, dass die Studie vom Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer beim Bundeswirtschaftsministerium gefördert wurde; die Projektbeschreibung von Neuland 21 listet die untersuchten Vorhaben.
Die Forscherin Carolin Wandzik vom Hamburger Institut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung GEWOS sieht den Trend differenziert. Nach GEWOS-Zahlen verlor Berlin 2017 rund 7000 Einwohner an die unmittelbaren Nachbargemeinden, 2014 waren es knapp 6700. Der Zuzug junger Kreativer sei für einzelne Dörfer ein Gewinn, ein Massenphänomen aber nicht zu erwarten. Jobs im Homeoffice oder im Coworking-Büro blieben stark bei Start-ups, Gründern und Kreativen verbreitet, fehlten dagegen in konservativen Branchen wie Banken und Industrie. Ob sich Coworking-Büros auf dem Land dauerhaft halten können, lässt sie offen.

