Eine neue Studie des Marktforschungsunternehmens Quantic Foundry liefert eine mögliche Erklärung dafür, warum klassische Strategiespiele es heute schwerer haben als früher. Titel wie Master of Orion oder Heroes of Might & Magic konnten sich einst auf eine große Community stützen, die dem Erscheinen neuer Teile entgegenfieberte. Aktuelle Vertreter des Genres dürften es deutlich schwerer haben, ein vergleichbares Maß an Aufmerksamkeit zu erreichen.
Quantic Foundry führt seit Jahren eine umfangreiche Typisierung von Computerspielern durch und wertet dabei regelmäßig aus, welche Spielmotive bei welchen Zielgruppen besonders ausgeprägt sind. Bei der aktuellen Auswertung fällt den Forschern ein deutlicher Rückgang bei einem bestimmten Motiv auf: der Freude an Planung und komplexer Entscheidungsfindung mit vielen zu berücksichtigenden Parametern. Genau dieses Motiv gilt als Grundvoraussetzung dafür, in klassischen Strategiespielen erfolgreich zu sein. Der Rückgang lasse sich den Angaben zufolge bis in das Jahr 2015 zurückverfolgen und sei sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Spielern weltweit zu beobachten. Ausgenommen von der Auswertung blieb lediglich China, da dort laut den Forschern eine grundlegend andere Spielekultur vorherrscht.
Social Media allein reicht als Erklärung nicht
Um die Größenordnung des Effekts verständlicher zu machen, übertrugen die Forscher ihre statistischen Ergebnisse auf anschauliche Vergleiche. Der Rückgang der Problemlösungsfreude falle demnach ähnlich stark ins Gewicht wie ein um mehr als acht Kilogramm verringertes Durchschnittsgewicht aller männlichen US-Amerikaner ab 20 Jahren oder wie ein weltweit um 6,75 Punkte gesunkener durchschnittlicher IQ.
Als naheliegende Erklärung nennt die Studie zunächst eine mögliche nachlassende Konzentrationsfähigkeit durch soziale Medien. Quantic Foundry weist jedoch darauf hin, dass die beobachteten Veränderungen bereits vor dem starken Wachstum von Plattformen wie Facebook und Tiktok eingesetzt haben. Wahrscheinlicher sei eine generelle Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne, wie sie sich beispielsweise auch an der steigenden Schnittfrequenz in Filmen ablesen lasse. Für Spieleentwickler leiten die Forscher daraus eine konkrete Konsequenz ab: Spielerinnen und Spieler bevorzugten heute kürzere Zeithorizonte für die Planung sowie Entscheidungen mit weniger zu berücksichtigenden Parametern als noch vor einigen Jahren.
Golem.de ergänzte die ursprüngliche Meldung einen Tag nach der Veröffentlichung um eine wichtige Klarstellung: Im Mittelpunkt der Studie steht demnach nicht die Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen, sondern die Freude an einer solchen Aufgabe. Für die Einordnung des Befunds ist dieser Unterschied relevant, da ein Rückgang der Motivation nicht zwangsläufig mit einem Rückgang der tatsächlichen kognitiven Fähigkeiten gleichzusetzen ist.
