Amazon hat angekündigt, seinen Cloud-Gaming-Dienst Luna in Prime Video zu integrieren. Prime-Abonnenten können Spiele künftig direkt über die Video-App spielen, ohne ein separates Abo abzuschließen. Der Schritt folgt einer ähnlichen Entwicklung bei Netflix, wo die Einbindung von Spielen in das Hauptangebot zu spürbar höherer Nutzung geführt hat.
Die aktuelle Meldung zur Integration hatte XboxDev bereits am Vortag aufgegriffen; dieser Beitrag beleuchtet die strategische Ausrichtung, die Amazon-Gaming-Chef Jeff Gattis im Begleitinterview darlegt.
Im Gespräch mit GamesIndustry.biz erläutert Jeff Gattis, General Manager für Amazon Luna und Amazon Game Studios, die Hintergründe. Gattis war zuvor General Manager für Xbox-Plattformen und -Abonnements bei Microsoft und wechselte im März 2025 zu Amazon Games, dessen Studiochef Christoph Hartmann wenige Monate zuvor ausgeschieden war. Er übernahm eine Gaming-Sparte, deren einzelne Teile bis dahin weitgehend unabhängig voneinander arbeiteten.
Drei Sparten unter einem Dach
Ohne die Streaming-Plattform Twitch zu zählen, verfügte Amazon zuvor über drei getrennte Gaming-Abteilungen: Amazon Game Studios für die MMO-Entwicklung, das Luna-Team für die Cloud-Technologie und Prime Gaming als Zusatzbenefit für Prime-Mitglieder. Keine dieser Abteilungen habe miteinander kommuniziert, so Gattis. Im vergangenen Jahr habe Amazon diese Struktur aufgelöst und alle drei Bereiche unter seiner Leitung zusammengeführt. Die Gaming-Sparte ist nun in zwei Säulen organisiert: Luna als Spieleplattform und Amazon Game Studios als Entwicklersparte.
Spiele von Amazon Game Studios werden auf Luna erscheinen. Einige Titel wie die kommenden Tomb Raider-Spiele Legacy of Atlantis und Catalyst sollen aber auch auf anderen Plattformen verfügbar sein. Exklusivität werde von Fall zu Fall entschieden, ähnlich wie bei Xbox. Wir glauben aber an Exklusivtitel, sagt Gattis. Das sei ein wichtiger Teil des Aufbaus einer Spieleplattform.
Cloud-Gaming abseits der Konsole
Gattis sieht das Wachstum der Spielebranche nicht an der Hochleistungsfront. Zwischen Steam, PlayStation, Xbox und dem Epic Games Store gebe es genug Orte, um hochwertige Spiele zu kaufen und zu spielen, die alle um dieselben Kunden konkurrierten. Luna habe früher versucht, auf diesem Feld mitzuhalten. Die Idee war, Menschen dazu zu bringen, ihre Konsolen und Gaming-PCs abzugeben und zu Luna zu wechseln. Das habe man aufgegeben, so Gattis.
Stattdessen richtet sich Amazon auf ein anderes Publikum. Rund drei Milliarden Menschen spielen Videospiele, aber nur etwa 500 Millionen besitzen eine Konsole oder einen PC. Der Rest spielt überwiegend auf dem Smartphone. Diese Gruppe werde nicht bedient, so Gattis. Sie wolle keine kompetitiven AAA-Shooter spielen, habe aber Interesse an bekannten Marken wie Hogwarts Legacy, Indiana Jones oder Tomb Raider. Hogwarts Legacy habe auf Luna außergewöhnlich gut funktioniert, weil die IP bekannt sei und das Spiel zugänglich bleibe.
Ein weiterer Baustein ist das Konzept GameNight auf Luna, bei dem Spieler ihr Smartphone als Controller nutzen für Quizspiele oder Brettspieladaptionen. Nach dem Relaunch von Luna im vergangenen Oktober mit den GameNight-Angeboten sei die Zahl der aktiven Nutzer um das Fünffache gestiegen, allerdings von einer relativ kleinen Basis, räumt Gattis ein. Cloud-Gaming auf dem Fernseher ist dabei kein neues Thema: Auch Xbox Cloud Gaming ist bereits auf Amazon Fire TV-Geräten verfügbar.
Prime-Mitgliedschaft als Hebel
Die Integration in Prime Video beseitigt eine wesentliche Hürde: Luna war bisher ein separates Abo mit separater App. Mit der Einbindung in Prime steht Amazon eine potenzielle Nutzerschaft von hunderten Millionen Prime-Mitgliedern zur Verfügung. Gattis verweist auf Schwellenländer, in denen sich teure Gaming-Hardware und Vollpreistitel für die etablierten Plattformanbieter wirtschaftlich nicht rechnen. Amazon habe mit der Prime-Mitgliedschaft ein anderes Fundament. Es geht darum, Gaming zugänglicher zu machen und den Markt zu vergrößern. Manche dieser Spieler wechseln später vielleicht zu Konsole oder PC. Das sei trotzdem gut für die Branche.
Transmedia und IP-Strategie
Ein zentraler Teil der Inhaltsstrategie ist die engere Verzahnung von Spielen mit dem Film- und TV-Portfolio von Amazon, zu dem auch MGM Studios gehört. Gattis nennt Fallout als Beispiel, wo es bereits ein Spiel und eine Serie gibt. Das Kartenspiel Masters of the Universe: Legends Unite wurde auf Luna zum Start des Masters-of-the-Universe-Films veröffentlicht, und zu Tomb Raider erscheinen sowohl eine Serie als auch kommende Spiele. Die Vision sei eine Prime-Video-Seite, die nicht mehr nur Serien bündelt, sondern ein IP-Erlebnis bietet: Serie, Spiel und Merchandise an einem Ort.
James Bond und offene Fragen
Amazon hatte im Juni Schlagzeilen gemacht, als bekannt wurde, dass Amazon Game Studios künftige James Bond-Spiele verlegen wird, nachdem IO Interactive 007: First Light selbst veröffentlicht hatte. Gattis hält sich bedeckt: Man habe nichts darüber bestätigt, wer den nächsten Bond-Titel veröffentlicht oder entwickelt. Technisch gesehen gehöre Amazon die Marke, aber man wolle das tun, was richtig für das Spiel sei. Eine Übernahme von IO Interactive schließt er nicht aus, spricht aber von keinerlei Gesprächen dazu.
Mehr Spiele in Entwicklung als je zuvor
Amazon hat derzeit mehr Spiele in Entwicklung als jemals zuvor in seiner Geschichte, so Gattis. Nicht alle seien AAA-Titel, einige reichten bis zu den GameNight-Erlebnissen. Zugleich hat Amazon die Veröffentlichungspartnerschaft mit dem britischen Studio Maverick Games für das Rennspiel Clutch beendet, das im Juni auf der Summer Game Fest gezeigt wurde. Gattis begründet dies mit einer Portfolioanalyse unter neuer Führung: Das Team habe keinen echten Markttreffer für das Spiel gesehen. Clutch wird nun von Maverick Games selbst veröffentlicht.
