Stop Destroying Videogames: EU-Kommission setzt auf Gespräche statt neuer Gesetzgebung

Die Europäische Kommission wird vorerst keine neue gesetzliche Pflicht für Publisher vorschlagen, Videospiele nach dem Ende des kommerziellen Supports dauerhaft spielbar zu halten. Das geht aus der offiziellen Reaktion auf die Europäische Bürgerinitiative „Stop Destroying Videogames“ hervor. Stattdessen kündigt die Behörde Gespräche mit Verbrauchern und Publishern an, die bis Ende 2026 geführt werden sollen. Ziel ist es, mögliche Verbesserungen bestehender Branchenstandards beim Umgang mit abgeschalteten Spielen zu prüfen.

The EU commission will engage with industry at the end of 2026 to explore ways to improve industry standards following European Citizens' Initiative on the disabling of videogames by publishers.https://t.co/PFolqrcx4a pic.twitter.com/BHgs96j9bM

— Knoebel (@Knoebelbroet) June 16, 2026

Die Initiative hatte gefordert, Publisher in der EU dazu zu verpflichten, verkaufte oder lizenzierte Videospiele in einem funktionalen Zustand zu belassen, wenn der kommerzielle Support eingestellt wird. Hintergrund ist die zunehmende Abhängigkeit moderner Spiele von zentralen Servern. Werden diese Dienste deaktiviert, können einzelne Funktionen wegfallen oder ganze Spiele unbrauchbar werden. Besonders sichtbar wurde die Debatte durch Fälle wie Ubisofts Rennspiel „The Crew“, das nach der Serverabschaltung nicht mehr regulär spielbar war.

Kommission verweist auf Urheberrecht und bestehendes Verbraucherrecht

Die Europäische Kommission erkennt das Anliegen der Initiative an, sieht derzeit aber keine ausreichende Grundlage für eine unmittelbare gesetzliche Verpflichtung. Als zentralen Punkt nennt die Behörde bestehende Rechte des geistigen Eigentums. Videospiele bestehen aus zahlreichen urheberrechtlich und technisch geschützten Bestandteilen. Dazu zählen neben Code und audiovisuellen Inhalten auch Marken, Designs, Technologien und serverseitige Systeme.

Aus Sicht der Kommission müsste eine neue Regelung deshalb sorgfältig mit den exklusiven Rechten der Rechteinhaber abgestimmt werden. Eine pauschale Pflicht, Spiele nach Ende des Vertriebs oder Supports weiter spielbar zu halten, wird zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorgeschlagen.

Gleichzeitig verweist Brüssel auf bereits bestehende Vorgaben des EU-Verbraucherrechts. Anbieter digitaler Inhalte und Dienste müssen Verbraucher vor Vertragsabschluss über Laufzeit, Bedingungen und mögliche Beendigung eines Angebots informieren. Zudem können nach der Richtlinie über digitale Inhalte und digitale Dienstleistungen Ansprüche entstehen, wenn Inhalte oder Dienste nicht dem Vertrag oder den berechtigten Erwartungen entsprechen. Unter bestimmten Voraussetzungen kann dazu auch eine anteilige Rückerstattung gehören.

Dauerhafte Online-Strukturen bleiben ein Kernproblem

Der Fall zeigt, wie stark sich das technische Modell vieler Spiele verändert hat. Wo frühere Titel oft vollständig über physische Datenträger oder lokale Installationen nutzbar waren, setzen viele aktuelle Produktionen auf dauerhafte Online-Funktionen. Das betrifft nicht nur klassische Mehrspieler-Modi, sondern auch Fortschrittssysteme, Lizenzprüfungen, Matchmaking, Ingame-Ökonomien, Cloud-Funktionen oder zentrale Profilverwaltung.

Für Publisher sind diese Systeme oft Teil des Geschäftsmodells und der technischen Infrastruktur. Für Spieler entsteht dadurch aber ein Risiko: Der Zugriff auf gekaufte Inhalte kann an Dienste gebunden sein, deren Betrieb wirtschaftlich oder organisatorisch nicht dauerhaft garantiert wird. Gerade bei Always-Online-Spielen wird die Frage deshalb zunehmend zu einem Thema zwischen Verbraucherschutz, digitalem Eigentum, Lizenzmodellen und Archivierung.

Die Initiative „Stop Destroying Videogames“ fordert nicht, dass Publisher Server unbegrenzt weiter betreiben müssen. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Forderung, Spiele nach Ende des offiziellen Supports nicht funktionslos zurückzulassen. Diskutiert werden in diesem Zusammenhang etwa Offline-Patches, private Serveroptionen oder technische End-of-Life-Konzepte, die zumindest zentrale Spielmodi erhalten könnten.

Branche soll in einen Dialog eingebunden werden

Bis Ende 2026 will die Kommission nun mit Verbrauchern und Publishern prüfen, wie bestehende Standards verbessert werden können. Konkrete Vorschläge für neue Regeln liegen derzeit nicht vor. Die Richtung deutet eher auf freiwillige Branchenlösungen oder Leitlinien hin als auf eine kurzfristige gesetzliche Verpflichtung.

Für die Spielebranche bleibt das Thema dennoch relevant. Die Europäische Bürgerinitiative hat mit rund 1,3 Millionen Unterstützungsbekundungen gezeigt, dass die Frage nach langfristiger Nutzbarkeit digitaler Spiele nicht mehr nur ein Nischenthema der Preservation-Szene ist. Auch im Europäischen Parlament wurde die Initiative bereits behandelt. Im April 2026 fand eine Anhörung in den Ausschüssen IMCO, JURI und PETI statt, bei der die Organisatoren ihre Position vorstellten.

Ob der geplante Dialog zu verbindlichen Standards führt, ist offen. Klar ist aber, dass die Diskussion über die Lebensdauer digitaler Spiele weitergehen wird. Für Entwickler und Publisher dürfte der Druck steigen, den Umgang mit Serverabschaltungen, Lizenzende und Post-Support-Nutzung transparenter zu gestalten. Für Verbraucher bleibt vorerst vor allem das bestehende EU-Verbraucherrecht relevant, das je nach Vertragsgestaltung und Erwartungshaltung Ansprüche auf Abhilfe oder Rückerstattung ermöglichen kann.

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