Seamus Blackley, einer der Mitbegründer der ersten Xbox, rechnet mit einem schrittweisen Bedeutungsverlust der Marke innerhalb des Microsoft-Konzerns. In einem Interview mit GamesBeat äußert er die Einschätzung, dass Xbox – wie andere Geschäftsbereiche außerhalb des strategischen KI-Kerngeschäfts – perspektivisch „auslaufen“ könnte. Eine offizielle Ankündigung in diese Richtung gibt es seitens Microsoft nicht.
KI-Strategie als übergeordneter Rahmen
Blackley ordnet seine Einschätzung in den übergeordneten Strategiewechsel unter CEO Satya Nadella ein. Microsoft habe in den vergangenen Jahren erhebliche finanzielle und strategische Ressourcen in generative KI investiert. Vor diesem Hintergrund werde jedes Geschäftsfeld daraufhin überprüft, inwiefern es in diese Ausrichtung passe.
Die Ernennung von Asha Sharma zur neuen Xbox-Chefin interpretiert Blackley als Signal. Sharma leitete zuvor Microsofts KI-Sparte CoreAI und verfügt über einen Hintergrund in Software-as-a-Service- und Commerce-Modellen. Für Blackley deutet diese Personalentscheidung darauf hin, dass Xbox künftig primär unter KI-Gesichtspunkten geführt werden soll.
Er beschreibt die Rolle der neuen Führung zugespitzt als die einer „Palliativärztin“, die die Marke behutsam in eine neue Phase begleite. Diese Formulierung spiegelt seine persönliche Einschätzung wider; Microsoft hat weder ein Ende der Marke angekündigt noch entsprechende Pläne angedeutet.
Gaming als Content-getriebenes Geschäft
Zentraler Kritikpunkt Blackleys ist die aus seiner Sicht unzureichende Berücksichtigung der Besonderheiten des Spielemarktes. Gaming sei kein reines Technologie-, Rendering- oder Softwaregeschäft, sondern ein in erster Linie inhaltsgetriebenes Medium. Wer Spiele primär als technisches oder datengetriebenes Produkt betrachte, unterschätze deren kulturelle und kreative Dimension.
Er verweist auf zahlreiche Beispiele aus der Branchenhistorie, in denen Führungskräfte ohne Gaming-Hintergrund zunächst an strukturellen und kulturellen Eigenheiten des Marktes gescheitert seien. Gleichzeitig räumt er ein, dass einzelne Manager aus anderen Industrien langfristig erfolgreich waren – vorausgesetzt, sie entwickelten ein tiefes Verständnis für Community, Kreativprozesse und Marktmechaniken.
Mit Blick auf Microsoft argumentiert Blackley, dass der aktuelle KI-Fokus dazu führen könne, Spiele als weiteres Anwendungsfeld generativer Modelle zu betrachten. Ob dieser Ansatz tragfähig sei, hänge davon ab, inwiefern KI-basierte Strategien die inhaltliche Qualität und das Vertrauen der Spielerschaft stärken oder untergraben.
Erscheinen der Xbox
Die erste Xbox erschien 2001. Blackley war maßgeblich daran beteiligt, das Konsolenprojekt intern gegen Widerstände durchzusetzen. Die Plattform verursachte in der ersten Generation Verluste in Milliardenhöhe, etablierte jedoch mit Xbox Live eine frühe Infrastruktur für Online-Gaming und entwickelte sich über mehrere Hardware-Generationen zu einem zentralen Bestandteil des Microsoft-Portfolios.
Unter Phil Spencer verlagerte sich der Schwerpunkt auf Game Pass, Cloud Gaming und plattformübergreifende Strategien. Zudem verantwortete das Management die Übernahme von Activision Blizzard für 68,7 Milliarden US-Dollar. Der aktuelle Führungswechsel folgt auf den Rücktritt von Spencer und den Abgang von Sarah Bond.
Persönliche Einschätzung ohne offizielle Bestätigung
Blackleys Aussagen sind als persönliche Bewertung eines ehemaligen Mitgründers einzuordnen. Microsoft hat weder eine Abkehr von der Marke Xbox angekündigt noch eine strategische Reduktion bestätigt. Sharma selbst betonte in ersten Stellungnahmen die Bedeutung qualitativ hochwertiger Spiele und wies Spekulationen über rein KI-getriebene Inhalte zurück.
Ob sich Xbox künftig stärker als KI-integrierte Plattform, als klassisches Content-Ökosystem oder als hybride Struktur positioniert, bleibt offen. Klar ist, dass Microsofts Gesamtstrategie zunehmend von KI-Investitionen geprägt ist – und dass sich dieser Schwerpunkt auch auf angrenzende Geschäftsbereiche auswirkt.
